Das Glaukom als Symptom einer Neurodegeneration

Im Februar 2026 fand ein hochinteressantes Seminar von Professor Carl Erb
aus Berlin zum Thema
Das Primäre Offenwinkelglaukom - eine
mitochondrial bedingte Entzündungserkrankung statt. Prof.
Erb ist Leiter einer Augenklinik in Berlin. Das Seminar wurde vom IMD Berlin
online präsentiert.
Hinter dem etwas sprödem Titel verbarg sich eine ganzheitliche Betrachtung
eines Gesundheitsproblems, das eine große (und zunehmende) Zahl von
Menschen auf der ganzen Welt betrifft.
Anatomie des Auges
Im Auge wird im Ziliarkörper Kammerwasser gebildet, welches verschiedene
Strukturen wie die Linse und die Hornhaut mit Nährstoffen und Sauerstoff
versorgt und Stoffwechselprodukte entgiftet. Es enthält Aminosäuren,
Elektrolyte, und Antioxidanzien. Diese Flüssigkeit, die im Auge zirkuliert,
wird alle 24 Stunden komplett erneuert und dann über das schwammartige
Trabekelwerk in das Blut abgegeben. Die Blut-Kammerwasser-Schranke verhindert,
dass größere Eiweiße in das Kammerwasser gelangen, die
zur Trübung führen würden. Für die regelrechte Funktion
des Auges ist ein gewisser, individuell optimaler Druck dieses Kammerwassers
erforderlich.
Im Laufe des Lebens können sich im Trabekelnetzwerk des vorderen
Auges Ablagerungen (Plaques) bilden, durch die der Fluss des
Kammerwassers mehr und mehr behindert wird, so dass der Druck im Auge
ansteigen kann. Hierdurch entwickeln der Sehnerv und die Netzhaut im Laufe
der Zeit Strukturschäden.
Dies führt zu Gesichtsfeldausfällen, die spät bemerkt werden,
weil sie zuerst in der Peripherie des Sehfeldes auftreten.
Der Augendruck ist aber nur bei 60% der Betroffenen erhöht, die übrigen
PatientInnen leiden unter einem sogenannten Normaldruckglaukom.
Bei erhöhtem Augendruck kann ein sogenannter enger Kammerwinkel vorliegen,
bei dem eine Struktur, durch die das Kammerwasser fließt, mechanisch
eingeengt ist. Beim offenen Kammerwinkel steht diese mechanische Komponente
nicht im Vordergrund.
Entstehung des Glaukoms
Erb zeigte auf, welche Faktoren eine Rolle in der Krankheitsentwicklung
aller Glaukom-Formen spielen.
- Zentrale Bedeutung hat oxidativer Zellstress mit Bildung freier Sauerstoff-Radikale
(ROS-reactive oxygen-species).
ROS können überschießend im Zellstoffwechsel entstehen
und /oder nicht ausreichend neutralisiert werden.
Sie erzeugen eine
Entzündung (sogenanntes
Inflammaging -
eine chronische, stumme Entzündung, die mit Alterung assoziiert ist).
Die Entzündung liegt meist systemisch im gesamten Organismus vor und
führt zu einer Mit-Entzündung des Nervengewebes (Neuroinflammation).
Oxidativer Stress fördert ferner eine Fehlfunktion der Mitochondrien
(Zellkraftwerke).
Eine Schädigung der Mitochondrien in den Nervenstrukturen führt
zu einer Störung aller komplexen Zellprozesse wie Energieproduktion,
Differenzierung, Zellerneuerung und Entgiftung.
Im Laufe der Zeit führt dies am Auge zu Neurodegeneration.
Da der Sehnerv eine Ausstülpung des Gehirns ist (wie auch der Riechnerv)
ist es nicht verwunderlich, dass sich eine Schädigung des Sehnervs
entlang der Sehbahn bis in das Gehirn fortsetzen kann. Dies hat funktionelle
Beeinträchtigungen komplexer Prozesse zur Folge, die primär mit
dem Sehen assoziiert sind: Gesichtserkennung, Gleichgewicht, Gangsicherheit
und Sturzrisiko, Autofahren, Koordination von Auge und Hand usw.
Vor diesem Hintergrund sind Assoziationen zwischen dem Primären Offenwinkel-Glaukom
(POWG) und neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson-Syndrom und Morbus
Alzheimer naheliegend.
Das Normaldruck-Glaukom kann also Ausdruck oder Frühform einer neurodegenerativen
Systemerkrankung sein.
Risikofaktoren
- Die bekannten Risikofaktoren für die Blutgefäße gehen
allesamt mit erhöhtem oxidativem Stress/ ROS und mitochondrialer
Dysfunktion einher.
- Diabetes mellitus: Insulinresistenz, Glucotoxizität und
Lipotoxizität schädigen Mikro- und Makrogefäße,
Nerven, Leber, Pankreas und Herz
- erhöhte Blutfette sind an der Plaquebildung und Entzündung
der Gefäße beteiligt
- Bluthochdruck: schädigt Gefäße, Herz, Gehirn
und Nieren. Auch der sogenannte Nitrostress wirkt mit ein.
Die genannten Faktoren sind häufig mit Glaukom assoziiert.
Assoziationen zwischen POWG und koronarer Herzerkrankung sind ebenfalls
nachgewiesen.
Negativ wirken neben den genannten Risikofaktoren auch:
Epigenetische Faktoren
- Rauchen (ein Zug an der Zigarette enthält 10 Mio. freie Radikale)
- Alkohol (ist ein Zellgift)
- Medikamente (hier ist auch der Konservierungsstoff Benzalkoniumchlorid
zu nennen, der in vielen Augentropfen enthalten ist. Er schädigt
die Mitochondrien und hat eine Verweildauer von über 24 Stunden
im Auge.
- Adipositas (speziell mit Vermehrung des Eingeweide- und Organfettes)
- Bewegungsmangel
- Ungünstige Ernährung
- Stress
- Schlafstörungen, Schlaf-Apnoe
- Darmdysbiose und Leaky Gut (mittlerweile wurde auch eine Darm-Augen
- Achse neben der Darm-Hirn-Achse definiert. Dysbiose erzeugt eine vermehrte
Bildung von ROS. Bei Leaky Gut dringen über die gestörte Darmbarriere
Bakterientoxine und Entzündungseiweiße in den Körper
ein, die über die Blut-Hirn-Schranke in das Gehirn und über
die Blut-Augen-Schranke auch in das Auge vordringen können).
- Chronische Entzündungen (Herde, Infektionen, Mastzellaktivierung,
Autoimmunprozesse)
- Feinstaub, Schadstoffe, Schwermetalle, Lärm
- Lokal am Auge:
Einstrahlung von blauem Licht (Sonnenlicht, Bildschirme)
Erb fasste die Entwicklung des Glaukoms wie folgt zusammen:
- Genetisch bedingte mitochondriale Störung
Beim Glaukom spielen auch genetische Faktoren eine Rolle (Erb sprach
von einer primären, glaukomatösen Mitochondriopathie). Somit
ist wie auch bei anderen Erkrankungen (z.B. Mastzellaktivierungsstörung)
die Genetik eine Prägung, die erst mit zusätzlichen Faktoren
(Epigenetik) zum Gesundheitsproblem wird.
- Systemischer oder lokaler oxidativer/nitrosativer Zellstress
- Entzündung der Trabekel, Aktivierung der Mikroglia, Neuroinflammation
- Überschreitung des individuell tolerierbaren Augendrucks
(jede Patientin hat einen individuell optimalen Augendruck).
- Glaukom
Der Experte ergänzte, dass bei einem Anstieg des Augendrucks ohne mitochondriale
Dysfunktion kein Glaukom entstehe.
Diagnostik
Augenärztliche Untersuchung
Ganzheitlich-internistische Abklärung (ggf. Langzeit-Blutdruckmessung,
Herzratenvariations-Messung (HRV), Sonographie (Abdomen, Duplex der Halsgefäße),
Bio-Impedanzmessung
Labordiagnostik: ganzheitliches Blutbild, Marker des oxidativen
und nitrosativen Zellstresses, Ernährungswerte, antioxidative Stoffe,
Entzündungswerte, Marker der mitochondrialen Funktion, ggf. Diagnostik
chronischer Infektionen, Schadstoffuntersuchung, Stuhluntersuchung.
Therapie
Die schulmedizinische Behandlung besteht im Wesentlichen in
einer Monotherapie in Form einer medikamentösen Senkung des Augendrucks.
Dies wird auch beim Normaldruckglaukom praktiziert, obwohl hier der Druck
ja primär nicht erhöht ist.
Operative Verfahren werden ebenfalls zur Drucksenkung angewendet.
Es wird zur optimalen Einstellung des Blutdrucks eine Einbeziehung eines
Internisten empfohlen.
Die komplexen Zusammenhänge mit oxidativem Stress kommen in diesen
Empfehlungen nicht vor. Es wird ferner erst behandelt, wenn das Glaukom
schon besteht.
Aus ganzheitlicher Sicht sind für eine optimierte Behandlung und
Neuroprotektion folgende Elemente sinnvoll:
- Lebensstiloptimierung (Ernährung, Bewegung, Behandlung von Übergewicht),
Vermeidung von Giften (Tabak, Alkohol, gefäßverengenden Drogen),
Schlafverbesserung, Behandlung einer Schlafapnoe.
- optimale Einstellung der vaskulären Risikofaktoren:
Blutdruck-Normalisierung (Vermeidung einer zu starken Blutdrucksenkung,
vor allem in der Nacht)
Einstellung einer Fettstoffwechselstörung (Senkung des oxidierten
LDL, Erkennung eines erhöhten Lipoproteins (a))
Aufdeckung von Störungen der Blutgerinnung, die zu erhöhter
Gerinnselbildung führen
Normnahe Regulierung des Diabetes mellitus (unbedingte Vermeidung von
Unterzuckerungen)
- Vermeidung von Medikamenten, die über erhöhte NO (= Stickoxid)-freisetzung
die Bildung von nitrosativem Stress fördern (Nitrate, PDE 5-Hemmer
wie Sildenafil, Tadalafil)
- optimierte Versorgung mit Mikronährstoffen, antioxidativ wirkenden
Pflanzenstoffen und guten Ölen über die Ernährung (Ernährungsberatung)
- Darmsanierung (Behandlung einer Dysbiose, Sanierung eines Leaky gut).
Auch eine darmgesunde Ernährung ist wichtig.
- Zur Entzündungshemmung und Neuroprotektion ist eine Modulation
der Mikrogliazellen im Gehirn durch kurzkettige Fettsäuren (SCFA)
wichtig. SCFA werden im Darm von Bakterien aus Ballaststoffen gebildet
und sind neben dem Hormon Serotonin und dem Vagusnerv Bestandteil der
Darm-Hirn-Achse.
- Entzündungsbehandlung (Herdsanierung, Behandlung von chronischen
Infektionen, Mastzellaktivierungsstörung und Autoimmunprozessen)
- Bewegung: sie führt unter anderem zu vermehrter Bildung des
BDNF (Brain derived neurotropic factor), der die Neubildung und
Verschaltung von Nervenstrukturen fördert und mit einer Verbesserung
kognitiver Fähigkeiten assoziiert ist.
- Supplementierung von Antioxidanzien:
Erb hat hier besonders auf die in vielen Studien nachgewiesene Schutzwirkung
des Q10 abgehoben. Q10 ist auch in Form von Augentropfen für eine
lokale Therapie verfügbar. Da die mitochondriale Dysfunktion ein
systemischer Prozess ist, macht meist eine systemische Therapie mehr
Sinn. Erwähnt wurden auch Curcumin und Ginkgo Biloba. Melatonin
als stärkstes Antioxidans im menschlichen Organismus wird auch
in der Netzhaut gebildet. Die Gesamtheit der antioxidativen Therapieansätze
ist ein Kapitel für sich.
- Spermidin: aktiviert die sogenannte Autophagie.
Autophagie ist eine von den Mitochondrien gesteuerte Leistung der Zellen,
bei der schadhafte Zellbestandteile aufgelöst werden und die Baustoffe
für die Bildung neuer Zellstrukturen wiederverwendet werden. Spermidin
muss für eine optimale Wirkung als Infusion verabreicht werden.
- Wichtig ist eine psychosoziale Therapie von psychischen Erkrankungen
einschließlich (reaktiver) Depression. Generell ist eine Stressreduktion
essenziell. Auch Assoziationen von Glaukom mit Serotoninmangel sind
gegeben.
- Lokal am Auge: Schutz vor blauem Licht (Sonnenbrille im Freien, Bildschirm
dimmen, Bildschirmbrille tragen).
- Rotes Licht: fördert den antioxidativen Schutz im Auge und kann
in Form der Photobiomodulation angewendet werden (der Effekt wird über
eine verstärkte Melatoninbildung durch nahes Infrarot-Licht vermittelt).
Zusammenfassend ist das Primäre Offenwinkelglaukom (POWG) Teil einer
systemischen neurodegenerativen Erkrankung.
Lokaler und systemischer, oxidativer und nitrosativer Zellstress und eine
mitochondriale Dysfunktion sind die Grundlagen des POWG.
Häufige Risikofaktoren wie Hypertonie usw. sind beim POWG mit erhöhtem
Zellstress assoziiert.
Therapeutisch sollte eine lokale Therapie in Form von Augentropfen nur ein
Teil einer umfassenden Behandlung sein.
Vielmehr ist eine ganzheitliche Behandlung unter Berücksichtigung
der chronischen mitochondrialen Dysfunktion und der chronischen Neuroinflammation
sinnvoll. Die Behandlung sollte schon vor Diagnose eines Glaukoms im Stadium
der erkennbaren, individuell vorliegenden Risikofaktoren beginnen.
Die Untersuchung des Auges ist ein Fenster zur Beurteilung des Zustandes des
zentralen Nervensystems.
Erwähnt werden muss auch, dass der Augenhintergrund für die Beurteilung
des Zustandes der kleinen Blutgefäße (Mikroangiopathie) die am
einfachsten zugängliche Struktur des Organismus ist (vergleichbar mit
den Halsgefäßen (Carotiden), wo man mit Duplex-Sonographie den
Zustand der großen Gefäße (Makroangiopathie) einsehen kann).
Schließlich sind die oben genannten Zusammenhänge mit oxidativem
Stress und mitochondrialer Störung auch bei anderen Erkrankungen des
Auges wie grauem Star (Cataracta), altersbedingter Makuladegeneration (AMD),
diabetischer Retinopathie u.v.m. gegeben.
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